„Die Kunst des Lesens“ von Émile Faguet ist ein literarisches Essay und praktischer Leitfaden zum Lesen, der Anfang des 20. Jahrhunderts verfasst wurde. Darin wird erklärt, wie man nicht als kritischer Betrachter, sondern als gebildeter Leser liest – mit dem Ziel, den größtmöglichen Genuss und die tiefste Verständnisfähigkeit zu erlangen. Faguet plädiert für langsames, aufmerksames Lesen sowie für methodische Herangehensweisen an verschiedene Arten von Werken – philosophische, sentimentale oder dramatische –, damit Leser besser nachdenken, tiefer fühlen und klarer sehen können. Am Anfang des Buches wird das Lesen zum Lernen oder Urteilen mit dem Lesen zur Freude verglichen; dabei wird auch das Ziel des Autors deutlich: Die Kunst des angenehmen, intelligenten Lesens zu vermitteln. Zunächst wird eine grundlegende Regel aufgestellt: Lesen Sie immer langsam, misstrauen Sie ersten Eindrücken und vermeiden Sie das Überfliegen von Texten – denn Langsamkeit vertieft das Verständnis und hilft dabei, wertvolle Werke von weniger bedeutenden zu unterscheiden. Bei ideengeschwängten Büchern empfiehlt Faguet eine wiederholte, gründliche Lektüre des Textes, um die zentralen Konzepte des Autors sowie deren Entwicklung und Widersprüche herauszuarbeiten. Dabei greift er Beispiele von Philosophen wie Platon, Montesquieu, Descartes und La Rochefoucauld auf. Bei sentimentalen Werken rät er dazu, zunächst den Emotionen freien Lauf zu lassen und anschließend eine zweite Phase des Urteilsfällens durch Beobachtungen aus dem wirklichen Leben sowie Selbstreflexion einzuleiten. Dabei weist er auf „Ausnahmefälle“ hin und beschreibt verschiedene Lesertypen – Erzählungsliebhaber, Realisten, Idealisten, Dichtungsbegeisterte usw. Was das Drama betrifft, so befürwortet Faguet die Lektüre von Theaterstücken als eine Art „Anruf“ aus dem Theater und rät dazu, sie so zu lesen, als würden sie auf der Bühne aufgeführt – dabei sollten besonders die Eintritte der Charaktere, ihre Gruppierungen sowie Gesten berücksichtigt werden. Ein detailliertes Beispiel analysiert die physischen Handlungsabläufe in Racines „Phèdre“; anschließend wird das Thema auf das Drama „Athalie“ erweitert.